Station 1:
Schneiderei und Laden ergänzten sich perfekt und über einen Mangel an Aufträgen und Kundinnen konnten sich die beiden Frauen nicht beklagen. 1932 beschäftigten sie zwei Gesellinnen und vier Lehrmädchen. Nachdem die Nazipartei die Regierungsgeschäfte übernommen hatte und auch in Neustadt das gesellschaftliche und politische Leben bestimmte, sollte sich bald alles ändern. Wie alle jüdischen Geschäftsleute und Handwerker*innen hatten auch die Schwestern Rosenstein, über die täglichen Diskriminierungen und Anfeindungen hinaus, unter den Boykottmaßnahmen der Antisemit*innen zu leiden, die darauf abzielten, durch Einschüchterung und Abschreckung von Kund*innen und Geschäftspartner*innen die Betriebe in den Ruin zu treiben. In der örtlichen Zeitung konnte nicht mehr geworben werden. Die letzte Annonce der Geschwister Rosenstein, wie sie überall genannt wurden, findet sich am 10. Januar 1933 in der Leine-Zeitung, also vor der Installierung der Regierung Hitler.
Emmy und Martha gehörten zu den ersten jüdischen Menschen, die Neustadt verließen, die nicht mehr bereit oder in der Lage waren, die alltäglichen Anfeindungen länger zu ertragen, denen sie in der Kleinstadt, wo sie jeder kannte, besonders ausgesetzt waren. Mit 59 und 57 Jahren dürfte es ihnen schwer gefallen sein, alles, was sie sich über Jahre aufgebaut hatten, hinter sich zu lassen. Da die meisten Jüd*innen aus Neustadt noch vor den Deportationen wegzogen, wurde nach dem Kriege das Gerücht verbreitet, alle hätten sich retten können, in Neustadt sei alles nicht so schlimm gewesen. Die einzige Möglichkeit für die Verfolgten, sich dem Hass, den Schikanen und den Übergriffen der Antisemitisn zu entziehen, war die Fucht in die Großstadt.
Die beiden Frauen zogen am 15. Dezember 1935 nach Hamburg, wo Verwandte lebten. Am 9. Januar 1936 konnten die Leser*innen der örtlichen Zeitung einer Geschäftsanzeige entnehmen, dass Friedrich Bahrs am folgenden Tag in Laden und Werkstatt der Schwestern ein Textil-Einzelhandelgeschäft eröffnen würde, ein "rein arisches Unternehmen", wie ausdrücklich betont wurde. Der Rosenstein'sche Betrieb war zu lukrativ gewesen, um ihn einfach zu schließen, also war er "arisiert" worden, wie es im Nazijargon hieß.
Auch in Hamburg konnten Emmy und Martha nicht in Ruhe leben. Am 6. Dezember 1941 wurden sie mit dem Zug nach Riga/Jungernhof deportiert, wo sie ermordet wurden.
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