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Gelebte Erinnerungskultur im Unterricht

Der Geschichts-Leistungskurs des Jacobsongymnasiums Seesen hat sich mit der Erinnerungskultur an seiner Schule am Vorabend des Ersten Weltkrieges auseinandergesetzt. Wie in allen Schulen des Kaiserreiches wurde 1913 auch an der Jacobsonschule eine 100-Jahr-Feier der Völkerschlacht bei Leipzig abgehalten. Im dortigen Schularchiv befinden sich Quellen, die belegen, was, wie und mit welcher Intention in der jüdisch-christlichen Schule gefeiert wurde. Die Schüler*innen des Leistungskurses haben sich diese Quellen erschlossen. Sie haben nachgefragt, was der Inhalt der vorgetragenen Lieder, Gedichte und Theaterstücke sowie der Festrede ist, um den Zeitgeist zu verstehen. Auch wurde der Frage nachgegangen, ob das Erinnern an der Schule aufgrund ihrer besonderen Geschichte ein besonderes war. Wie viele andere Absolventen der höheren Schulen meldeten sich auch viele Jacobson-Schüler freiwillig zum Kriegsdienst und erlitten ähnliche Schicksale. Auch dies wird in den Akten des Schularchivs ersichtlich.

Im Folgenden finden Sie die Ausarbeitungen der Schüler*innen zu den verschiedenen Quellen aus dem Schularchiv:

Der historische Kontext

Die Jacobsonschule in Seesen war eine staatlich anerkannte Schule und befand sich in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs in einer Phase der Konsolidierung und erfolgreichen Integration in das deutsche Bildungssystem. Zu Beginn des Sommerschuljahres 1912 besuchten insgesamt 318 Schüler die Lehranstalt, die sich in 164 Hausschüler (Internatsschüler) und 153 Stadtschüler (externe Schüler) aufteilten. Von diesen waren 121 jüdisch, 188 evangelisch, 8 katholisch und sogar auch ein "Dissident". (Quelle: Bericht über die Jacobson-Schule zu Seesen am Harz für die Zeit von Ostern 1912 bis Ostern 1913) 

  

Diese Anerkennung von offizieller Seite war durch die Verleihung des Rechts zur Ausstellung von Berechtigungsscheinen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst schon im Jahr 1870 zusätzlich befördert worden. Die Schule hatte ihr Unterrichtsangebot vollständig an den preußischen Normallehrplan angepasst und schien damit endgültig im Kaiserreich angekommen zu sein. Dieses Zugehörigkeitsgefühlt zeigte sich deutlich in der aktiven Teilnahme an vaterländischen Feierlichkeiten wie dem Sedanstag oder dem Geburtstag des Kaisers. (Quelle: Joachim Frassl: Erlebnisse im Osten, Seesen, 2021, S. 24-28.) 

  

Autor*in: Marisa Salzbrunn

Mit der Reichseinigung 1871 folgte die gesetzliche Gleichstellung aller deutschen Juden. Trotzdem kam es in den folgenden Jahren zu einer Verschärfung und Verbreitung der Feindseligkeit gegenüber Jüd*innen bis hin zur Entstehung einer neuen Form des Hasses gegen Jüd*innen. Bei dieser Form handelt es sich um den Antisemitismus. Im Gegensatz zum religiösen Antijudaismus war diese Form rassistisch geprägt. In den folgenden Jahren verbreitete sich Antisemitismus nicht nur als Begriff, sondern auch als Meinung beziehungsweise Einstellung vieler Menschen. Dies führte zur Entstehung antisemitischer Gruppen und Initiativen. Ungefähr ab dem Jahr 1890 gab es viele rassistische und völkische Darstellungen von Jüd*innen.

Obwohl die Feindlichkeit gegen Jüd*innen sehr stark zunahm, wird die Zeit des deutschen Kaiserreichs oft als Epoche des sozialen Aufstiegs für Jüdi*nnen gesehen. Denn es bildeten sich viele jüdische Vereine, wie beispielsweise der "Jüdische Frauenbund", der sich für die allgemeine Gleichberechtigung von Frauen einsetzte, oder der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", welcher sich seit 1893 gegen antisemitische Anwürfe engagierte. Es wurden noch weitere Vereine gegründet, doch alle verfolgten ein gleiches Ziel, das Selbstbewusstsein der jüdischen Mitglieder zu stärken und zu zeigen.

Ende des 19. Jahrhunderts begann eine neue Bewegung, Aufmerksamkeit zu gewinnen, der sogenannte Zionismus. Die Unterstützer*innen dieser Bewegung träumten von einer Rückkehr nach Zion (Jerusalem), um dort eine jüdische "Heimstatt" zu errichten. Sie kamen in großen Teilen aus dem Osten Europas, wo sich der Zionismus als Idee stark etablierte. In Deutschland wurden zionistische Strömungen nie zu einer Massenbewegung, obwohl um 1900 viele Jüd*innen aus den östlichen Gebieten einwanderten. Die Migration von Ost nach West ist auf die schlechten Wirtschaftsbedingungen und die darauffolgende Armut, aber vor allem auf die antijüdischen Pogrome in Russland zurückzuführen. Dies führte zur Flucht vieler Jüd*innen in das Deutsche Kaiserreich.

  

Literatur: Miriam Rürup: Kaiserreich (1871-1918) in bpb-Bundeszentrale für politische Bildung (https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/juedisches-leben/504518/kaiserreich-1871-1918/), zuletzt eingesehen am 13.11.2025.

  

Autor*in: Maia Brodhun

Die Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig in der Jacobsonschule

Zum Inhalt:

Hintergrund 

Das Drama spielt während der Belagerung der preußischen Stadt Kolberg (Pommern) im Jahr 1807 durch napoleonische Truppen. Die historische Vorlage ist die erfolgreiche Verteidigung Kolbergs gegen die französische Armee, die zu einem Symbol für preußische Standhaftigkeit wurde. 

Hauptfiguren 

Nettelbeck – patriotischer Bürger, unbeugsam. 

Ferdinand – junger Offizier, zwischen Pflicht und Liebe.  

Maria – seine Verlobte, hin- und hergerissen zwischen Sorge und Liebe. 

Gneisenau – militärischer Führer der Verteidigung.  

Handlung (in Kürze) 

1. Bedrohung – Stadt belagert, Bürger uneins; Nettelbeck fordert Widerstand. 

2. Konflikt – Hunger und Not; Ferdinand schwankt zwischen Maria und Pflicht. 

3. Entscheidung – Ferdinand wählt die Pflicht, Maria stellt sich hinter ihn. 

4. Opfer – Bürger kämpfen und leiden, Kolberg wird Symbol der Standhaftigkeit. 

5. Triumph – Franzosen ziehen ab; Sieg fürs Vaterland, privates Glück zerbricht. 

Kernaussage 

Heyse zeigt Kolberg als Modell des bürgerlich-patriotischen Widerstands. 

Das Drama stellt den Konflikt zwischen individueller Neigung (Liebe, privates Glück) und kollektiver Pflicht (Vaterland, Freiheit, Ehre) ins Zentrum. 

Die Botschaft: Wahre Größe liegt in der Opferbereitschaft für die Gemeinschaft – zugleich aber mit einem humanistischen Ton, der Mitmenschlichkeit betont. 

  

Über den Autor:

Paul Heyse 

Geboren: 15. März 1830 in Berlin 

Gestorben: 2. April 1914 in München 

Vater: Karl Wilhelm Ludwig Heyse 

Mutter: Julie Saaling → stammt aus wohlhabender jüdischer Familie 

Romane, Kurzgeschichten, Gedichte & Dramen 

Auszeichnungen: Nobelpreis für Literatur 1910 

Er wurde außerdem geadelt (Paul v. Heyse) „Meister der deutschen Novelle“ 

Tradition & Wertevermittlung. "Colberg" wird zu Pflichtlektüre in preußischen Gymnasien 

Da "Colberg" an preußischen Gymnasien Pflichtlektüre war, war es vielen Schüler*innen bekannt oder wurde auch im Unterricht behandelt. Dadurch war es geeignet als kultureller Beitrag einer Schulfeier. 

  

Zum Hintergrund:

Literarischer Verein "Palaestra" 

Wikipedia erklärt nach Willy Zschietzschmann, dass "Palästra" zur humanistischen Bildungsstätte wurde, in der sowohl die körperliche als auch geistige Erziehung stattgefunden habe. 

→ "Palaestra" könnte sich vermutlich aus Verehrung zum griechischen Bildungswesen benannt haben. 

Quelle: Colberg, Historisches Schauspiel in 5 Akten, Erstdruck 1868 (Berlin), Uraufführung 1865, Historisches Theaterstück 

  

Autor*innen: Lynn Kirchner und Fabienne Löper

Zwei Gedichte aus dem Festprogramm:  

  

Blücher am Rhein 

Die Heere blieben am Rheine stehn: 

Soll man hinein nach Frankreich gehn? 

Man dachte hin und wieder nach; 

allein der alte Blücher sprach: 

"Generalkarte her! 

Nach Frankreich gehn ist nicht so schwer. 

Wo steht der Feind?" — "Der Feind? Dahier!" 

"Den Finger drauf! Den schlagen wir! 

Wo liegt Paris? — Paris? Dahier!" 

"Den Finger drauf! Das nehmen wir! 

Nun schlagt die Brücken übern Rhein! 

Ich denke der Champagnerwein 

wird, wo er wächst, am besten sein!" 

von August Kopisch (1799-1853) 

Quelle: https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=22786 

  

Ein Volk, ein Herz, ein Vaterland 

Ob wir, in Roth und Schmach versunken, 

In blut'gem Hader uns entzweit, 

Uns blieb ein lichter Gottesfunken 

Der Traum der deutschen Herrlichkeit; 

Und häuften sich die Leidenstage, 

Daß schon der Treu'sten Hoffnung schwand, 

Fort klang's wie eine heil'ge Sage: 

Ein Volk, ein Herz, ein Vaterland! 

Das klang durch uns're schönsten Lieder, 

Das traf die deutsche Brust mit Macht, 

Von Strom und Bergen hallt' es wieder, 

An unsern Marken hielt es Wacht; 

Und als des Kampfes wilde Flammen 

Entlohten von verruchter Hand, 

Da standen endlich wir zusammen, 

Ein Volk, ein Herz, ein Vaterland! 

Und herrlich ist das Werk gelungen, 

Der Feind geworfen in den Staub, 

Mit unser'm Blut ihm abgerungen 

Der nie verjährte schnöde Raub; 

Des Sieges volle Kränze schlingen 

Um uns ein unzerreißbar Band, 

Nun soll's in Ewigkeit erklingen: 

Ein Volk, ein Herz, ein Vaterland! 

Von Albert Traeger, 1871 

Aus der Sammlung Zeit 

Quelle: https://gedichte.xbib.de/Traeger_gedicht_Ein+Volk%2C+ein+Herz%2C+ein+Vaterland.htm 

Inwiefern haben die vorgetragenen Gedichte und Gesänge einen patriotischen Charakter?

  

Programmpunkt 1: Gesang: Lobe den Herren

Das Programm der Jahrhundertfeier beginnt mit dem bekannten christlichen Lied "Lobe den Herrn", welches eigentlich von Dank, Lobpreisungen und Vertrauen auf Gottes Führung handelt. Es wurde im Kaiserreich zur patriotischen Hymne für das protestantische Kaisertum Wilhelms II. Durch ein typisch christliches Lied wird das Programm eher den christlichen Schüler*innen nähergebracht, wodurch eine erste Abgrenzung der jüdischen Schüler*innen stattfindet, da im weiteren Verlauf des Fests keine typisch jüdischen Lieder miteingebunden werden.

  

Programmpunkt 2: Gedicht: Blücher am Rhein

Das erste Gedicht des Programms "Blücher am Rhein" wurde von August Kopisch vermutlich 1830 geschrieben und in seiner Gedichtesammlung "Einfache Gedichte" 1837 veröffenltlicht. Er war ein romantischer Dichter und Maler, der mit dem Gedicht patriotische Gedanken und Deutschland als eine Einheit darstellen sollte. Das Gedicht wurde von ihm neu verfasst. Es gab eine frühere Version von Ernst Moritz Arndt, der eine antisemitische Einstellung hatte. In seinen Werken finden sich judenfeindliche Äußerungen.

Die neue von Kopisch verfasste Version bezieht sich aber ebenfalls direkt auf die Geschehnisse der Völkerschlacht bei Leipzig von 1813. Da diese im Kontext der deutschen Befreiungskriege stattgefunden hat, kann man, wenn im Gedicht von "wir" gesprochen wird, von einem homogenen Volksverständnis ausgehen, welches ausschließlich die deutsche Bevölkerung miteinbezieht. Im Gedicht wird Blücher (der Held in der Schlacht von Waterloo) als Held dargestellt, der das deutsche Volk verkörpert. Als weiteres Symbol wird der Rhein als Zeichen der deutschen Nation verwendet. "Nun schlagt die Brücken übern Rhein" und "Die Heere blieben am Rheine stehen" spiegeln dies wider, weswegen man bereits von einer romantisierten Nationaldichtung ausgehen kann. In der politisch angespannten Vorkriegssituation 1913 wird die Verfolgung der napoleonischen Truppen durch Blücher zur Erinnerung an die Siege über Frankreich 1871 und zur Erzeugung von Siegesgewissheit verwendet.

  

Programmpunkt 3: Gedicht: Ein Volk, ein Herz, ein Vaterland

Im Gedicht "Ein Volk, ein Herz, ein Vaterland" geschrieben von Albert Träger 1871 erkennt man bereits anhand des Titels, der auch wiederholt im Gedicht vorkommt, wie erneut eine nationale Einheit der Deutschen betont wird und patriotische Gefühle verdeutlicht werden. Man kann erneut von einem homogenen Volksverständnis ausgehen, zu dem sich hier auch die Vertreter*innen der jüdisch-christlichen Schule bekennen, um zu betonen, dass auch sie ein Teil dieses Volkes seien. Insgesamt wird erneut Heldentum und vor allem Opferbereitschaft vermittelt, was den Schüler*innen der Schule immer wieder deutlich vor Augen geführt wird.

  

Autor*innen: Mia Hölscher und Hannah Maibaum

Hintergrundinformationen 

Die Völkerschlacht bei Leipzig fand vom 16. bis 19. Oktober 1813 statt und war eine der größten Schlachten der Napoleonischen Kriege. Auf der einen Seite stand Napoleon mit seiner französischen Armee.  Auf der anderen Seite kämpften die Verbündeten Russland, Preußen, Österreich und Schweden zusammen. 

Napoleon wollte seine Macht in Europa behalten, aber die Verbündeten hatten genug von seinen Eroberungen. Es wurde an vielen Orten rund um Leipzig gekämpft. Am Anfang konnte Napoleon sich noch gut verteidigen, aber nach ein paar Tagen hatten die Verbündeten viel mehr Soldaten und gewannen schließlich. 

Am Ende musste Napoleon sich zurückziehen. Für die deutschen Staaten war das wichtig, weil es ein großer Schritt zur Befreiung von der französischen Herrschaft war.

  

Zur Rede

Am 18. Oktober 1913, dem hundertsten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, erinnerte Landesrabbiner Gutmann Rülf aus Braunschweig an die große Bedeutung der Vergangenheit. Er begann mit den Worten Moses: "Gedenk der Tage der Vorzeit, erwäget die Jahre vergangener Geschlechter, frage deinen Vater, dass er dir Kunde gebe, deine Alten, dass sie dir erzählen.“ (S. 1, 2.ff.) Daraus leitet er die Pflicht ab, die Geschichte nicht zu vergessen. "Diese Mahnung unserer Lehrer trifft heute unser Ohr wie ein heiliges Gebot, dessen Verpflichtung sich zu entziehen unmöglich ist.“ (S. 2, 2.ff.) 

Im Zentrum seiner Rede stand die Völkerschlacht von 1813. Rülf nannte sie "eine Tat, die mit ehrernen Lettern in das Buch der Geschichte eingetragen ist, eine Tat, die ihr Vollbringer zum Werkzeuge Gottes machte.“ (S. 2, 2.6ff.). Sie habe die Grundlage gelegt für die Freiheit und Gerechtigkeit im modernen Staat. Deshalb sei es heute eine heilige Pflicht, "die Seelengemeinschaft zwischen uns und jenem Geschlechte, das sie vollbracht, wiederherzustellen.“ S. 2, 2.14ff.) 

Er warnte die Nachkomm*innen davor, einfach nur vom Erbe ihrer Vorfahr*innen zu leben, ohne darüber nachzudenken. Er fragte, ob die Enkel*innen von dem profitieren sollten, was ihre Ahn*innen aufgebaut haben, ohne ihnen irgendwann dankbar zu sein. (S. 3, 2.5ff.) Das dürfe auf keinen Fall passieren. Seiner Meinung nach kann man nur durch Dankbarkeit und Treue die Verbindung zwischen den Generationen erhalten. 

  

Für Rülf gehörten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einfach zusammen. "Es gehört eines zum anderen; eines ergänzt und vervollständigt das andere.“ (S. 3–4) Fehle aber diese Verbindung zur Vergangenheit, sei es um die Zukunft schlecht bestellt. Die Geschichte sei wie die Wurzel eines Baumes: Ohne sie "fehlen dem Lebensbaume die starken tiefen Wurzeln, die unablässig gesunde Kräfte übermitteln und dem Ganzen Halt, Festigkeit und Dauer gewähren.“ (S. 4) 

Auch war ihm wichtig, Charakterstärke durch "Selbstüberwindung" zu zeigen und sich vom Materialismus zu distanzieren: "Die göttliche Majestät wirkt in dem Helden – und wer ist der Held? Wer sich selbst bezwingt!“ (S. 5) Wahres Heldentum sei also Selbstüberwindung, also Egoismus und Eigennutz hinter sich zu lassen, verbunden mit Opfermut, Hingabe für alle und Liebe zum Mitmenschen. Diese Kraft hätte das Geschlecht von 1813 gezeichnet, und sie müssten auch in der Gegenwart bewahrt bleiben. 

Einen besonderen Schwerpunkt legte Rülf auf die Rolle der Jüd*innen: "Für uns Israeliten sind die Erinnerungen den übrigen Söhnen des Vaterlandes in Reih und Glied, in Not und Tod gleich ihnen ihre Pflicht tuend.“ (S. 6–7) Auch wenn nach den Befreiungskriegen Vorurteile wiederkamen, bleibe die moralische Kraft ihrer Taten bestehen. "Die Wirkung der sittlichen Tat der Juden erwies sich schliesslich stärker als der bösen Menschen Wille.“ (S. 7) 

  

Rülf sprach offen über die Situation: "Die Erlösung aus der alten Schmach war keine vollkommene. Die Vorurteile wurzelten zu tief.“ (S. 7) Dennoch forderte er sein Publikum auf, sich dadurch nicht entmutigen zu lassen. Das Vorbild der Väter sollte Ansporn sein, in treuer Vaterlandsliebe auszuharren. "Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an – ist uns ins Herz geschrieben.“ (S. 8) 

Am Ende richtete er den Blick auf Gott Er erinnerte daran, dass "der allwaltende Gott … jede Gesamtheit zur Freiheit führt, die sein Gebot erfüllt.“ (S. 9) Auch wenn das Volk durch schwere Zeiten gehen müsse, gehe der Weg wieder nach oben, "seinem leuchtenden Stern entgegen.“ (S. 5) Deshalb sein Aufruf: "Wandeln wir mit Gott – tun wir allerwegen unsere Pflicht und womöglich mehr als unsere Pflicht, wie die Liebe gebeut – und Gott ist mit uns!“ (S. 9) 

  

Quelle: Rede zur Jahrhundertfeier der Schlacht bei Leipzig, am 18. Oktober 1813 von Landesrabbiner Dr. Rülf. Braunschweig, Archiv des Jacobson-Gymnasiums

  

  

Autor*innen: Lenard Leyens, Jannis Meyer, Feyyaz Önder

  

Die gesamte Rede von Dr. Rülf zum Download

Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund (DIGB) wurde 1869 in Leipzig gegründet. Er entstand, um Rechte zu verteidigen und Antisemitismus abzuwehren. Der Bund sollte eine politische Stimme für alle Jüd*innen in Deutschland sein und die jüdischen Gemeinden sollten sich durch den Zusammenschluss gegenseitig unterstützen. Dennoch gab es viel Kritik am Bund, da er manchen jüdischen Gemeinden nicht "religiös" genug gewesen sei. 1933 wurde der DIGB, wie andere jüdische Organisationen auch, von den Nationalsozialisten aufgelöst. 

  

Dieses Synagogengebet wurde im Schularchiv gefunden. Über einen weiteren inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Bund und der Jacobsonschule ist nichts bekannt. Es ist jedoch anzunehmen, dass das Gebet beim Festgottesdienst im Jacobstempel gesprochen wurde. Die handschriftlichen Notizen auf dem Dokument verweisen darauf. Dort steht "beim Festgottesdienst... Tempel? 08.10.13". Außerdem steht als regionale Ergänzung am Ende des Gebets ein handschriftlicher Einschub, womit um den Segen Gottes für Herzog Johann Albrecht, den Regenten der Herzogtums Braunschweig, gebeten wird - ergänzend zur Segensbitte für Kaiser Wilhelm. 

  

Quelle: Deutsch-israelitischer Gemeindebund (Hg.): Synagogen-Gebet zur Jahrhundertfeier der Freiheitskriege, Archiv des Jacobson-Gymnasiums Seesen

  

Autor*in: Luise Wünsche

Im Rahmen der Feierlichkeiten zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1913 an unserer Schule wurden Gedichte, Dramen und Lieder vorgetragen. Diese Auswahl war kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung. Unsere Schule wollte zum Ausdruck bringen, dass auch jüdische Schüler*innen Teil des Deutschen Reiches sind und dieselben Werte vertreten wie die Mehrheit der nichtjüdisch-deutschen Gesellschaft: Einigkeit und die Verbundenheit mit dem Vaterland. Gleichzeitig gab es ein Spannungsfeld, denn die jüdische Bevölkerung hatte zwar 1913 mehr Rechte als früher, war aber defacto noch nicht vollständig gleichgestellt und wurde zudem von offen antisemitischen Gruppierungen wie z.B. dem "Alldeutschen Verband" als undeutsch angefeindet. Gerade deshalb war das Vortragen dieser Werke so bedeutsam. Die Schule wollte damit ihre Zugehörigkeit sichtbar machen und zeigen, dass die jüdische Schülerschaft dieselben Ideale teilt und loyal zum Deutschen Reich steht.

Ergänzend muss man bedenken, dass 1913 ein stark nationalistisch geprägtes Jahr war. Das 100-jährige Jubiläum der Befreiungskriege gegen Napoleon wurde im ganzen Kaiserreich gefeiert. Nationale Einheit, Opferbereitschaft und Stolz auf die deutsche Geschichte standen überall im Mittelpunkt. Gerade in dieser Atmosphäre war es den Vertreter*innen der Schule wichtig, sich nicht abzugrenzen, sondern deutlich zu machen, dass sie die gleichen Werte teilten. 

  

Autor*in: Maya Stünckel

Jacobsonschüler und -lehrer im Ersten Weltkrieg

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 wurde diese nationale Identität und Verbundenheit – wie im ganzen Kaiserreich – auf eine extreme Probe gestellt. Der Krieg durchdrang unmittelbar den gesamten Schulalltag. Die Turnhalle wurde als Lazarett genutzt, Lehrer wie Herr Strauß bildeten Schüler militärisch aus. Der Krieg wurde zum zentralen Thema in Unterricht und Klassenarbeiten. Die Schulgemeinschaft reagierte mit großer patriotischer Pflichtbereitschaft: 38 unter 20-jährige Schüler meldeten sich als Kriegsfreiwillige, und auch Lehrer wurden eingezogen. Die tiefe Verstrickung in die nationalen Ereignisse und das Bekenntnis zum Vaterland wurden auch in der trauernden Würdigung der Gefallenen deutlich, unter denen sich zwei Lehrer und 25 ehemalige Schüler befanden. Trotz dieser Ausnahmesituation blieb das integrative und konfessionell gemischte Profil der Schule, auch in dieser "ernsten Zeit" nach innen bestehen, wie ausdrücklich betont wurde, dass alle ihrer Pflicht "ohne Unterschied der Herkunft und des Glaubens" nachkämen. 

  

Quelle: Joachim Frassl: Erlebnisse im Osten, Seesen, 2021, S. 24-28 und Bericht über die Jacobson-Schule zu Seesen am Harz für die Zeit von Ostern 1914 bis Ostern 1915.

  

Autor*in: Luise Wünsche

Reflexion/Interview

An Herrn Reimer:

- Haben Sie diese oder anderen Quellen auch in der Vergangenheit schon im Geschichtsunterricht benutzt?

An die Schüler*innen:

- Was hat euch überrascht? Was habt ihr gelernt?

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